Die drei Caballeros
Fernanado Trueba, Javier Mariscal und Tono Errando
Der oscar-prämierte Regisseur Fernando Trueba (BELLE EPOQUE) traf den gefeierten Designer und Zeichner Javier Mariscal vor zehn Jahren, als er ihn darum bat, ein Poster für seinen Latin Jazz-Dokumentarfilm CALLE 54 zu entwerfen. Damit begann eine fruchtbare Zusammenarbeit: Mariscal entwarf alle Artworks für Truebas Calle 54 Platten und Werbeanimationen für das Label, und sie eröffneten zusammen ein Jazz-Restaurant in Madrid. Mariscal: "Es war, als hätte ich einen neuen Bruder gefunden, ganz schnell wurde er zu einem sehr, sehr engen Freund."
Der Gedanke zu einem abendfüllenden Animationsfilm kam bei der Arbeit für LA NEGRA TOMASA des kubanischen Musikers Compay Segundo. "Fernando sah die Werbung", so Mariscal, "und sagte: Wow! Das ist fantastisch! So liebe ich Havanna!"
Mariscals jüngerer Bruder Tono Errando ist einer von vier Brüdern, die im Studio Mariscal in Barcelona tätig sind. Mit seinen Erfahrungen in Musik, Film und Animation führt er den audiovisuellen Bereich des multidisziplinären Kreativunternehmens, ihm oblag es daher, die schöpferischen Energien von Trueba und Mariscal zusammenzubringen. "Trueba hatte keine Animationserfahrung, und Mariscal hatte noch nie einen Film gemacht. Würde es gelingen, so zusammenzuarbeiten, dass ihre Talente sich entfalten?"

Chico & Rita
Der schöpferische Funke
Von Anfang an waren alle drei Männer begeistert von der Idee, einen Film zu machen, der vor dem Hintergrund von Havannas Musikszene der späten 40er und 50er spielt. "Diese Epoche hat ein tolles Design und wunderbare Architektur, so gehört sie visuell zu Mariscals Welt", sagt Errando. "Und in der Musik ist dies ein fantastischer Augenblick: der Augenblick, in dem kubanische Musiker nach New York ziehen, um sich den angelsächsischen Jazz-Musikern anzuschließen. Diese Fusion hat damals die Musik verändert."
Obwohl er über geradezu enzyklopädische Kenntnisse der damaligen kubanischen Musik verfügt und von ihr begeistert ist, war es Trueba, der darauf bestand, dass sie die Bühne, aber nicht die Geschichte darstellen sollte. Mariscal: "Ich sagte, ich könne mir gut die Geschichte dieser Musiker vorstellen, und er sagte: Nein, das ist nur der Hintergrund, der Kontext. Wir müssen uns im Drehbuch auf eine Love Story konzentrieren. Etwas Klassisches: ein Mädchen und ein Junge. Sie ist Sängerin, er ist Pianist. Wie eine Bolero-Ballade. Boleros sind für Latinos Lieder über schreckliche Liebesschicksale. ´Ich kann dich nicht mehr küssen, weil deine Lippen die Lippen eines anderen geküsst haben.´ Und so weiter."
Trueba führt das aus: "Für mich ist CHICO & RITA ein romantisches Lied, ein Bolero. Die Geschichte zweier junger Menschen in Kuba Ende der 40er, und wie das Leben sie zusammenführt und wieder trennt wie im Lied. Ein Film voller Musik und Liebe und Sinnlichkeit und Farbenpracht."

Vorbereitende Dreharbeiten in Havanna
Obwohl CHICO & RITA ein Animationsfilm ist, haben die beiden Regisseure Ende 2007 vier Wochen in Havanna verbracht, um dort zu filmen. Das sollte sich aus zwei Gründen als unschätzbarer Gewinn erweisen. Trueba: "Man kann den Zeichnern visuelle Informationen über die Bewegungen der Schauspieler geben und man kann die Kamerabewegungen natürlicher, menschlicher machen." Er selber wäre der erste zuzugeben, dass er ursprünglich dagegen war: "Ich dachte, oje, endlich mache ich einmal einen Animationsfilm und brauche nicht mit Schauspielern zu arbeiten, und dann das ... Aber Tono hat mich überzeugt, und er hatte recht."
Errando: "Am Abend des vierten Tages hat mich Fernando umarmt und sagte: Okay, jetzt verstehe ich, warum wir das machen. So verleihen wir dem Drehbuch eine Seele!"

Die Welt von Chico & Rita entwerfen
Bevor er damit anfangen konnte, die vielen kubanischen Innen- und Außenräume zu zeichnen, hat Mariscal intensive Nachforschungen angestellt. Auch wenn die stagnierende Wirtschaft des Castro-Regimes in den letzten fünf Jahrzehnten die Verwüstungen durch schnelle Stadtentwicklung erspart hat, haben viele Gebäude aus der Zeit doch unter dem Verfall gelitten. Doch dann entdeckten die Filmemacher einen wahren Schatz: ein Fotoarchiv, das die damalige Stadtregierung geschaffen hatte, um bei Straßenreparaturen eine Hilfe zu sein. Errando: "Da gab es Aufnahmen von jeder einzelnen Straßenecke in Havanna aus dem Jahr 1949, in dem unser Film spielt!"
Außerdem fand das Team Aufnahmen aus den Flugzeugen, mit denen Amerikaner auf die Partyinsel geflogen wurden. Mariscal: "Jeden Tag trafen Flugzeuge aus New York, Washington und vor allem Miami ein, und die Passagiere wurden von kubanischen Musikern unterhalten. Da waren fantastische Fotos von spielenden Musikern und rauchenden Amerikaner, die alle betrunken waren." Der Künstler kehrte voller Ideen nach Barcelona zurück. "Diese Bilder verrieten uns viel über die Kubaner dieser Zeit, die Kleidung, die Gesichter, die Straßen, Werbetafeln, Autos, Bars, wie sie lebten, das unglaubliche Leben in dieser unglaublichen Stadt."

Havanna vs. New York
Stimmung und Look des Films wandeln sich dramatisch, sobald die Handlung sich nach New York verlagert, erst mit Rita und dann mit Chico, die aufs Schiff steigen, um ihre Träume zu verwirklichen. Errando: "Havanna und New York sind zwei Figuren in diesem Film. Diese beiden Städte hatten eine enge Verbindung. Havanna war der Nachtclub von New York, die New Yorker Mafia war auch in Havanna sehr präsent. New York ist eine vertikale Stadt, Havanna ist völlig horizontal. Havanna ist sehr sonnig und warm und hat eine reiche Farbenpalette, New York ist dagegen fast monochrom. Das spielt im Film eine große Rolle." Mariscal: "Wir haben New York und Havanna. Wir haben Latinos und Anglos. Was ist ein Latino? Ein bestimmtes Wetter, eine Farbe, Musik, Mode, eine Art zu lieben."

Die Geschichte hat Vorrang
"Es geht immer um die Geschichte," sagt Mariscal. "Jeder Punkt, jeder Strich, jede Farbe, jede Bewegung, jeder Hintergrund soll die Geschichte erzählen. Die Welt, die wir erschaffen müssen, ist immer ´Ja Rita, bitte küsse Chico nochmal, fabelhaft´, und nie ´Was für eine wunderbare Zeichnung von Mariscal, so ein schönes Licht, was für eine tolle Bewegung.´ Nein – ich mache fantastische Zeichnungen und werfe sie dann fort, weil sie für den Augenblick nichts leisten. Ich überlege die ganze Zeit, was für die Zuschauer das Beste wäre. Das ist es, was wir machen müssen."

Der Stil der Animation
Eine Schlüsselentscheidung der Filmemacher betraf den Animationsstil: wie realistisch oder wie grafisch? Errando: "Wir mussten herausbekommen, welche Art von Bewegung wir für den Film brauchen. Live-Geschehen ist sehr präzise. Animation muss eine andere Wirklichkeit erfinden. Man bewegt eine Figur auf andere Art, es ist eine andere Bewegungsform. Da sind all die Gefühle, die uns ein Schauspieler gibt, aber andererseits wollen wir die Poesie, die Animation erzeugen kann. Wir brauchten ungefähr sechs Monate, um die richtige Balance zu treffen."
Ein Animationsteam zusammenzustellen, das in der Lage war, die Entwürfe von Mariscal zu animieren, war eine Herausforderung. Errando: "Für einen Film braucht man ein tolles Cast, und bei einer Animation sind die Zeichner die Schauspieler. Wir wählten einige der besten Animateure aus, die wir finden konnten, alle brachten viel Erfahrung mit. Nur dass wir sie dann bitten mussten: ´Leute, vergesst alles, was ihr bisher gemacht habt. Ihr werdet hier nicht die Werkzeuge benutzen, die ihr gewohnt seid. Fort mit Dehnen, Pressen, Vorwegnehmen, versucht ganz anders, auf eine völlig neue Weise zu animieren.´ Einige haben das sehr gut aufgenommen und fanden das faszinierend, andere schafften es nicht, das war natürlich enttäuschend. Es fiel uns nicht leicht, einem tollen Profi zu sagen: Tut uns leid, das ist nicht das, was wir benötigen!"

Die Musik von Chico & Rita
Alle Regisseure freuten sich darauf, einen bestimmten Augenblick in der Entwicklung des Jazz einzufangen. Errando: "Das war der Moment, in dem neue Musiker wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie mit einer neuen Art von Musik antraten, die nicht fürs Tanzen gemacht war, mit vielen Noten, sehr schnell gespielt, eine Musik, die wir heute Jazz nennen. Dann kamen die kubanischen Musiker. Dizzy Gillespie hat es oft in Interviews erzählt, dass dieser Augenblick sehr wichtig für ihn war, als er zum ersten Mal mit Chano Pozo spielte. Chano Pozo war der erste Percussionist, der in einer Jazzband spielte. Das ist ein neues Instrument. Er bringt alle diese lateinischen und afrikanischen Rhythmen, die für diese Musiker sehr neu waren, und dieses neue Instrument veränderte auch die Art, wie Rhythmen eingesetzt werden. Der Drummer muss nun auf eine andere Weise spielen."
Trueba: "Man braucht kein Spezialist für kubanische Geschichte und amerikanischen Jazz zu sein, um den Film zu genießen. Aber vielleicht findet man, wenn man die Epoche kennt, ein paar mehr Feinheiten!"

Bebo Valdés und Estrella Morente
Der kubanische Pianist, Bandleader, Komponist und Arrangeur Bebo Valdés lebte verborgen in Stockholm, als Trueba ihn und sein Spiel für ein internationales Publikum wieder entdeckte und dann das mit dem Grammy ausgezeichnete Album LAGRIMA NEGRAS produzierte, auf dem Valdés mit dem Flamenco-Sänger Diego "El Cigala" auftritt.
Trueba stimmt zu, dass Fotos des hübschen jungen Valdés Mariscal beim Entwurf von Chicos Erscheinungsbild inspiriert haben, aber die Figur beruht keineswegs zur Gänze auf dem Musiker.
"Ich finde, dass Chico nicht Bebo ist. Chico ist ein Tribut an alle kubanischen Musiker dieser Epoche. Man findet in ihm etwas von Bebo, aber auch von Ruben Gonzalez und seiner Generation, von denen einige in Kuba geblieben sind und andere das Land verlassen haben. Chico ist beides: Er geht nach Amerika und muss am Ende nach Kuba zurück ... Wäre Bebo nicht über viele Jahre ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen, dann gäbe es diesen Film vielleicht nicht. Ich habe manche Teile des Buchs mit seiner Musik im Kopf geschrieben. Er war eine große Inspiration, und natürlich ist die Filmmusik von ihm, und wir haben ihm den Film gewidmet. So gesehen ist CHICO & RITA ganz von Bebos Geist erfüllt."
Am Ende des Films bricht für Bebo eine neue Epoche seines Lebens an, als die Flamencosängerin Estrella Morente nach Havanna kommt, um diesen einzigartig begabten Musiker für eine Zusammenarbeit ausfindig zu machen. Es gelang Trueba, den tatsächlichen Flamencostar, der seit seinem siebten Lebensjahr auftritt, zur Mitwirkung an seinem Film zu überreden.
"Ich liebte Estrella seit langem. Schon als wir diese Szene schrieben, dachte ich dabei an Estrella, weil sie etwas Besonderes hat. Sie steht mit einem Fuß im 19. Jahrhundert und dem anderen im 21. und sie gehört nicht zum 20. Jahrhundert. Sie hat große Tiefe und etwas Ehrwürdiges, und ist zugleich so modern. Es war sehr schön, sie als Figur und tatsächliche Person im Film zu haben."

Fernando Trueba über den Umgang mit der Filmmusik
"Das war eine sehr wichtige Entscheidung. Erst waren wir versucht, etwas von Dizzy Gillespie oder Charlie Parker zu nehmen und in den Film zu stecken. Aber dann hatte ich den Einfall, heutige Musiker zu bitten, im Stil der damaligen Musiker zu spielen. Also mussten wir casten. Man muss einen Tenorsaxophonisten finden, der so spielen kann, wie es Ben Webster gewöhnlich tat, oder einen Altsaxophonisten, der so wie früher Charlie Parker spielen kann, oder einen Trompeter, der den Stil von Dizzy Gillespie beherrscht. Das war aus der Sicht eines Musikers etwas Interessantes. Und dass Freddy Cole, der wirkliche Bruder von Nat King Cole, für seinen Bruder singt, das war schon etwas Besonderes. Aber die Aufnahmen waren dadurch sehr erschwert. Wir hatten Sessions in Spanien, New York, Kuba, das war viel Arbeit. Es gab Duette und Combos und Big Bands, wir hatten sogar Streicher!"